27.01.2021 |
Opinion

Natur in der Stadt… Ein Tropfen auf den heissen Stein?

Ein Konzept erobert zunehmend die Schweizer Städtelandschaft; neben beispielsweise Lausanne, Genf und Neuenburg, hat auch Freiburg das Projekt Natur in der Stadt initiiert. Damit möchte die Gemeinde die Rückkehr der Natur in Siedlungsflächen fördern. Neben der angestrebten Ankurbelung der Wirtschaft der zukünftigen Grossgemeinde inklusive Erschliessung neuer Grundstücksflächen wird es schwierig werden, für die Natur. Lassen sich die zwei gegensätzlichen Ziele miteinander vereinbaren?

Im Zuge einer nachhaltigen Entwicklung lancierte die Stadt Freiburg in Zusammenarbeit mit dem Botanischen Garten Freiburg vor zwei Jahren die Aktion «Natur in der Stadt». Seitdem wurden Massnahmen zur Erhaltung und Entwicklung natürlicher Grünflächen an mehr als 300 Standorten umgesetzt. Am Wegrand erblickt man nun gelbe Beschilderungen mit dem grünen Drachen - Vall’ée, das Maskottchen der nachhaltigen Entwicklung. Diese Schilder sollen auf die Artenvielfalt an den Standorten aufmerksam machen. Neben der Wissensvermittlung über die einheimische Flora und Fauna liegt die Stärkung der Biodiversität im Mittelpunkt. Zusätzlich zur bestehenden Vegetation wurden an einigen Stellen entlang des Strassennetzes Asphaltböden durch Kiesflächen ersetzt und einheimische Pflanzenarten gesteckt, um das Vorkommen von Insekten, Vögeln und kleinen Säugetieren zu stärken und den Tieren den Lebensraum zur Ausbreitung zu überlassen, den sie ohne diese Anker nicht hätten.

Auf den ersten Blick ist das Konzept insbesondere für Orte mit hoher Siedlungsdichte wie in den Quartieren Pérolles oder Schönberg sinnvoll. Dennoch drängt sich die Frage auf, ob die Bemühungen ausreichen, um gegen ein systematisches Artensterben, wie wir es erleben, vorzugehen. Zwei Quadratmeter Kieselerde auf isolierten Plantagen umringt von Beton und Asphalt scheinen wie ein Tropfen auf den heissen Stein. Bedenkt man das Szenario eines forcierten wirtschaftlichen Wachstums, das mit dem Zusammenschluss der Gemeinden Grossfreiburgs angestrebt wird, entsteht ein Grundsatzkonflikt. Neue Firmen bedingen die Erschliessung neuer Gewerbeflächen und Wohngebiete. Die Verstädterung nimmt weiter zu, auch in den ländlichen Gemeinden Grossfreiburgs. Die Erschliessung von Siedlungsfläche im dünn besiedelten, ländlichen Raum, verdrängt die Natur weiter. Ein Nullsummenspiel, bei dem die Natur nur verlieren kann, wenn es um wirtschaftliche Interessen und unsere Lebensführung wider dem Gemeingut Natur geht. Die Bemühungen zur Revitalisierung der Saane illustrieren diesen Gedanken anschaulich. Das Ausweiten von naturnahen Räumen für die Revitalisierung geht nunmehr auf Kosten von Parkplätzen und unserem einverleibten Lebensstil, und das stösst auf Widerstände.

Auf was uns die Aktion «Natur in der Stadt» aufmerksam macht.

Die Initiative «Natur in der Stadt» versucht dieses Ungleichgewicht, wenn auch in einem überschaubaren Rahmen, auszubalancieren. Gleichwohl regt der Blick auf die karge Natur zwischen asphaltiertem Boden zum Nachdenken an. Als Bodenbelag ist Asphalt stets die kostengünstigste Lösung. Doch versiegelter Boden ist ökologisch tot. Jede neue Strasse zerschneidet einen Lebensraum und schädigt die Bodenfunktion. Lebewesen können durch den Asphalt nicht mit Sauerstoff versorgt werden und das Wasser kann nicht versickern. Die Selbstverständlichkeit, mit welcher wir unser Stadtleben gestalten, wird mit dieser Perspektive in Frage gestellt. Das Projekt hat deshalb das Potential, jeden Teil der Gesellschaft auf freiwilliger Basis mit einzubeziehen. Für Betriebe und Konzerne könnte die Aktion ein Anreiz sein, eigene Gewerbeflächen naturnah und nachhaltig zu gestalten. Asphaltierte Flächen - wenn entbehrlich - könnten renaturiert werden. Auch jeder Einzelne von uns kann dies im eigenen Garten oder auf dem Balkon tun. Besonders Eigentümer haben viele Wahlmöglichkeiten, vom Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bis hin zum Bepflanzen von Wildblumen. Eine aktive Informationsgestaltung und Wissensvermittlung über die Zusammenhänge ist notwendig, um Natur in der Stadt auch in Zukunft zum Wachsen zu bringen.

 

Quellen:

  • Stadt Freiburg, Natur in der Stadt
  • Freiburger Nachrichten, 18.12.2020, Parkplatzfrage erhitzt die Gemüter
  • SRF, 29.06.2020, Heisse Köpfe - Tipps zum Thema Entsiegeln der Böden
  • Bild: Stadt Freiburg

 


 

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Cindy Nezzar

Fribourg