08.06.2020 |
Opinion

Die Idee von einem guten Leben

Vor einem Jahr war Hartmut Rosa, Professor für Soziologie der Universität Jena zu Gast bei den Studientagen des Zentrums für Glaube und Gesellschaft an der theologischen Fakultät der Universität Freiburg. Dabei ging es um die Frage nach dem guten Leben. Dinge, wie das soziale Miteinander, der berufliche Alltag, ein Spaziergang in der Natur – gerade erlebten wir die Unverfügbarkeit von Dingen als einen kollektiven Verzicht und waren gezwungen unsere Lebensführung zu überdenken. Auch das Fusionsprojekt stellt Selbstverständlichkeiten in Frage, die langfristig verloren gehen sowie neue, die hinzukommen und es beantwortet die Frage, wie ein gutes Leben aktiv gestaltet werden kann. 

Die Herausforderung der konstituierenden Versammlung ist es, den Bürgerinnen und Bürgern der Gemeinden in den kommenden Monaten zu vermitteln, wie sich ihr reales Leben durch den Zusammenschluss zukünftig verändern wird. Dabei gehören Fusionen voneinander unabhängiger politischer Gemeinden bereits zur Tagesordnung. In den letzten 50 Jahren halbierte sich die Anzahl der Gemeinden allein im Kanton Freiburg von insgesamt 283 auf 133 Gemeinden. Diese Entwicklung verdeutlicht, dass Gesellschaften in unserer heutigen Zeit wettbewerbsfähig sein müssen, um fortzubestehen. Hartmut Rosa hat den Begriff der dynamischen Stabilisierung geprägt: Moderne Gesellschaften sind durch Bewegung, Beschleunigung und Wachstum bestimmt, nur so kann Stabilität und der Status quo erhalten bleiben. Auch das Fusionsprojekt von Grossfreiburg entspringt im Kern aus diesem Gedanken – Innovationsverdichtungen durch beispielsweise neue Mobilitätslösungen nebst der geplanten Ansiedlung von neuen Unternehmen sollen den Wohlstand garantieren. 

Erhalt des Status Quo durch Zusammenschlüsse  

Obwohl das Prinzip der Beschleunigung den Wohlstand bewahrt, kann es auch zu einem Problem werden. Das Verfügbarmachen und Einverleiben von Dingen sei ein Grundzug der modernen Gesellschaft, sagt Rosa. Die Sicherstellung von neuen Grundstücken für die Ansiedlung neuer Unternehmen ist ein Ausdruck dafür. Die Erschliessung neuer Industriegebiete und Wohnsiedlungen bedingen den Umbau natürlicher Landschaftsstrukturen, die Resonanzräume aus beispielsweise der Kindheit werden kleiner. Eine attraktive, kurze Wegstrecke impliziert mehr Freizeit, aber tatsächlich bleibt man doch länger am Arbeitsplatz. Obwohl objektiv betrachtet mehr Ressourcen zur Verfügung stehen, beginnt ein langsamer Prozess der Entfremdung. Darin liegt auch der Widerspruch von Individuen mit viel Ressourcen, denen es gefühlt schlecht geht und Menschen, die wenig besitzen, aber subjektiv betrachtet ziemlich glücklich sind. 

Von welcher Qualität sind die Beziehungen, in denen wir leben? 

Das können Beziehungen zu anderen Menschen, zu Dingen, zur Natur oder einfach zur Welt sein. Hartmut Rosa nennt das die Soziologie der Weltbeziehung. Seine These: Es kommt im Leben auf die Art und Weise an, in der wir als Subjekte die Welt um uns erfahren. Lebensqualität entsteht, wenn wir eine Bindung fühlen, zu eben anderen Menschen oder zu Aufgaben, zu Ideen, kurzum zu bestimmten Weltausschnitten. Die Antwort auf Beschleunigung sei demnach nicht die Entschleunigung, sondern das Herstellen von Resonanzbeziehungen mit der Welt. Einige Kernziele der konstituierenden Versammlung Grossfreiburgs greifen genau diesen Impuls auf: Die geplante Stärkung von Quartier- und Ortsvereinen beispielsweise, sie könnten Orte für Resonanzerfahrungen sein. Die Positionierung Freiburgs als „Stadt der Geschichte und der Flüsse“ sichert der Natur einen zentralen Platz zu und schafft weitere Resonanzräume. Die Doppelsprachigkeit an Schulen wäre dann ein Ort der Resonanz, wenn die Zweitsprache nicht nur als eine Ressource im Unterricht gelehrt, sondern in der Schule und auf den Strassen erfahren und gelebt wird. Gewiss ist es die Aufgabe eines jeden Einzelnen einen Teil dazu beizutragen. Damit dies gelingen kann, ist es gleichwohl eine Voraussetzung, urbane Strukturen für Erfahrungsräume zu schaffen. 

 

Quellen: 

Hartmut Rosa (2016): Resonanz - Eine Soziologie der Weltbeziehungen. Suhrkamp. Berlin. 

Illustration von Sigrid und Hans Lämmle aus den 1960er-Jahren: Fiktives Beispiel für eine glückliche Stadt.  

Website des Kanton Fribourg: Übersicht der Gemeindezusammenschlüsse 

Youtube-Kanal der Universität Freiburg: Wim Wenders - Talk mit Miroslav Voll und Hartmut Rosa

 


Personen aus der Zivilgesellschaft haben sich freiwillig gemeldet, um ihre Geschichten zu erzählen oder über Menschen und Besonderheiten zu berichten, die typisch für ihre Gemeinden sind. In ihren Beiträgen werden sie der Identität von Grossfreiburg auf den Grund gehen. Unter anderem werden sie sich auch mit verschiedenen Themen befassen, die im Zusammenhang mit der Gemeindefusion stehen.

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Cindy Nezzar

Freiburg